Die Sonne scheint in Kathmandu. Es ist der erste Tag, an dem es wieder wärmer in der Stadt und das Tal nicht mehr von Nebel umhüllt ist. Der erste Tag an dem man den Frühling spüren, die Berge des Himalaya sehen kann. Majestätisch erheben sich die schneebedeckten 8000er hinter den Hügeln des Tales. Und es ist der erste Tag, an dem Prachanda, der Anfuehrer der nepalesischen Maoisten, vor der breiten Öffentlichkeit eine Rede für seine Anhänger hält. Heute sind die Straßen rot. Heute feiern die Maos das Jubiläum ihrer Revolution. Am 13. Februar 1996 proklamierten militante Maoisten den sogenannten „Volkskrieg“ in Nepal. Sie bildeten nach dem Vorbild der peruanischen Bewegung des „Leuchtenden Pfades“ die gewalttätige Guerilla-Bewegung Maobadi. Diese fordert soziale Gleichheit, die Abschaffung der Monarchie und die Diktatur des Proletariats. Eine Woche nach dem die kommunistische Partei Nepals den „peoples war“ erklärte, äußerte sich der damals zuständige Minister noch wie folgt: „Ich bin mir sicher, dass wir diese Kriese in vier bis fuenf Tagen unter Kontrolle kriegen koennen.“ Am Ende dauerte der Bürgerkrieg zehn Jahre.
Heute strömen aus allen Himmelsrichtungen Prachandas Anhänger nach Tundhikel, dem zentralen Platz im Herzen Kathmandus. Rote Flaggen so weit mein Auge reicht. Ein Anblick, den ich nach fünf Monaten Kathmandu schon gewöhnt bin. Denn auch ohne speziellen Anlass, kann man die roten Fahnen mit der Sichel und dem Hammer überall auf den Straßenlaternen entdecken. Doch soviel rot wie heute war wohl noch nie. Es lässt sich schwer ausmachen, wer nun wirklicher Anhänger der Maoisten ist, oder wer nur so mitläuft. Wer zwangsrekrutiert oder wer einfach nur auf dem Weg nach Hause ist. Die Grenzen sind fließend. Ein Gruppe Kinder in Schuluniform läuft lachend vorbei. Sie halten sich an den Händen und wedeln mit kleinen roten Fahnen. Einige Leute sehen aus, als seien sie gerade aus ihrem Dorf aus den Bergen ins Kathmandutal gelaufen. Tief gegerbte Gesichter, schmutzige Kleider, kaputte Schuhe. Der Durchschnittsmaoist ist geschätzte 16 und wird in überfüllten Bussen aus den umliegenden Dörfern nach Kathmandu gebracht. Ein Teil der Meute sitzt auf dem Dach, zwei Jungs haengen halb aus dem Fenster. Das maoistische Outfit besteht aus roter Fahne, einem roten Stirnband mit weißem Stern, und einem Überwurf mit Prachandas Bild auf dem Rücken. Ein schwarz-weiß Druck auf dem er aussieht wie ein Blinder. Mit einer dunklen Sonnenbrille, die seine Augen verdeckt. „Maobadi, Maobadi, Maobadi.“ Mal laufen die Maos aufgeregt umher, mal schreien sie irgendwelche Sprechchöre, mal halten sie Händchen oder sich im Arm, mal jubeln sie, mal marschieren sie nur so daher.
Die Versammlung hat Volksfestcharakter. Hier verkauft einer Eis, dort verkauft einer pinke Zuckerwatte und Kokusnusstückchen. Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern. In der Mitte des Platzes wehen zwei große rote Flaggen, daneben steht eine Bühne. Dort wird erst eine Art Stocktanz aufgeführt, dann tritt Prachanda ans Mikrofon. Er wird gefeiert wie ein Volksheld. Man hat ihm eine Kette aus gelben Blumen um den Hals gelegt. Er spricht in Nepali, so dass ich nur ein paar Wortfetzen aufschnappen kann. Oft fallen die Wörter „Nepal“ und „Maobadi“ und „Liberation“. Lange Jahre hielt sich der Anführer der Maoisten – bürgerlicher Name: Pushpa Kamal Dahal – im nepalesischen Hinterland versteckt. Er war einer der meistgesuchtesten Männer Südostasiens. 16 Bodyguards mit schweren Geschützen bewachten den nepalesischen Fidel Castro. Lange Jahre existierten nur zwei Fotos von ihm. Fernsehsender und Zeitungen mussten immer wieder auf die gleichen Abbildungen zurückgreifen. Und auf Erzaehlungen, die irgendwer mal irgendwann aufschnappte. Zum Beispiel, dass Prachanda taeglich ein Glas Bueffelmilch zum Fruehstuck trinkt. Seine Interviews waren berühmt. Er polarisierte durch radikale Aussagen wie: „Es gibt keine Alternative zum Volkskrieg und das Gewehr ist das beste Mittel zur sozialen Transformation. Was wir in Nepal gestartet haben, ist Teil einer weltweiten Revolution des 21ten Jahrhunderts.“ Erst im Zuge des Friedensprozesses trat er an die Öffentlichkeit. Und ließ sich dann nach der Einigung mit der Sieben-Parteien Regierung umjubeln. Nun hält er Reden, gibt Interviews, spricht vor Unternehmern in Delhi, trifft ausländische Delegationen. Als letztes informierte er deutsche Bundestagsbageordnete über seine Pläne für Nepal. Wie wird Gewaltfreiheit garantiert? Strebt er Enteignungen an? Welche Position nimmt Nepal in Zukunft zu den beiden großen Nachbarn Indien und China ein?
Ursprünglich stammt Prachanda aus einem kleinen Dorf aus dem nepalesischen Flachland, aus einer einfachen Familie. Sein Vater war Arbeiter auf einer Farm. Schon im College war Prachanda an Politik interessiert und von kommunistischen Ideen fasziniert. Er begann Bücher über Maos Revolution in China zu lesen, trat der Partei bei und wurde letztendlich führender Kopf des Volkskrieges. Ein kluger Kopf. Prachanda ist ein wortgewandter, charismatischer Mann. Er weiss, wie man rhetorische Ueberzeugungsarbeit leistet. Sein Vater sagte mal in einem Interview: „Studenten kamen in unser Haus und ich erfuhr, dass sie mit Pushpa über Politik diskutierten. Ich sagte ihm: wir sind arm, wir können uns keine Politik erlauben. Die Politik wird uns kaputt machen. Aber er hörte nicht auf mich. Auch heute noch schmerzt es mich, wenn ich höre wie viele Menschen durch die Anweisung meines Sohnes ums Leben gekommen sind.“
Gegenüber des Kundgebungsplatzes ist ein Krankenhaus. Die Pfleger haben ein paar Patienten im Rollstuhl ans Fenster gerollt. Gebannt starren sie auf das wilde Treiben auf der Straße. Niemand möchte den Aufmarsch der Maoisten verpassen. Die Brücken, die über die Hauptstraße führen sind voll mit Menschen. Sie rangeln um die besten Plätze mit der besten Sicht auf die Bühne. Ein paar machen Fotos mit einer Digitalkamera. Ich habe hier in Kathmandu noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen. Dabei ist es schwer ihren Gesichtern jegliche Sympa- oder Antipathien zu entnehmen. Befürworten sie, dass die Maoisten in der Hauptstadt des Landes Einzug halten? Dass die Maoisten nun mit den Sieben Parteien gemeinsame politische Sache machen. Oder befürchten sie, dass Nepal doch letztendlich ein kommunistisches Land nach chinesischem Vorbild werden wird?
Abends sitze ich mit Manjil am Indra Chwok. Ein junger Nepalese, der gerade seine Schwester gegen den Willen des Vaters verheiratet hat und sich Sorgen um die Existenz seines Tailor shops macht. Wir trinken süßen Milchtee. Vor uns baut ein Mann mit verfilztem Haar und zerissenen Hosen sein Nachtlager aus seinem Karton. Ein paar Militärs biegen um die Ecke. Sie tragen blau-graue Uniformen, haben Gewehre und Schlagstöcke dabei.. Einer klopft damit bei jedem Schritt auf den Boden. Tock, Tock, Tock. Sie halten neben uns an und mustern uns von oben bis unten. Dann gehen sie weiter.
Ein paar Straßenhunde wühlen in einem Berg verrotteten Müll. Dieser Tage streikt wieder mal die Müllabfuhr. Der gesamte Müll von Kathmandu landet in Dörfern ausserhalb der Stadt und die dortigen Bewohner haben die Nase gestrichen voll. Deshalb blockieren sie die Mülltransporte in ihre Orte. Es riecht nach Abfall und Urin und wir sprechen über die Zukunft Nepals. Manjil zuckt resignierend mit den Schultern. „ I don’t know about my future. I don’t know about the future of this country. Who knows what will happen next?”